Traumatherapie

    Buchbesprechung: "Im Keller", Jan Philipp Reemtsma

    Buchbesprechnung: "Der Minus- Mann", Heinz Sobota

    Buchbesprechnung: "Das Schweigen des Lichts", Tahar Ben Jelloun

    Buchbesprechung:  "Samarkand" , Olga Karitidi

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BUCHBESPRECHUNG

Im Keller

Jan Philipp Reemtsma

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 3. Aufl. 2002

ISBN 3-499-22221-3

1996 wurde der erfolgreiche Sozialforscher, Buchautor und Millionenerbe Reemtsma entführt. 33 Tage blieb er in einem Keller in Gefangenschaft seiner Entführer.

Auf beiden Seiten waren Profis am Werk: Die Entführer handelten gut überlegt, Reemtsma reagierte überlegt und reflektierte mit dem erweiterten Blick eines Wissenschaftlers was um ihn und mit ihm geschah.

Er selbst war und ist Experte auf dem Gebiet der Traumaforschung und gibt dem Leser einen guten Einblick in die Erlebnisse einer traumatisierten Person. Sein Bericht ist in der dritten Person verfasst. Für ihn war die Zeit im Keller etwas außerhalb von ihm selbst. Etwas nicht Ichhaftes. Ein (fast nebensächlicher) Satz bringt diesen Zustand  auf den Punkt: „Es war nicht so, dass ihm etwas fehlte, er war nicht da.“ Er war vielmehr der Ort der Angst als die Person, die Reemtsma als „ich“ bezeichnet.

Die Möglichkeit seine Eindrücke, Befürchtungen und Überlegungen im Keller aufzuschreiben, erlaubte es ihm, seine unveränderliche Situation zu vergegenständlichen. „Wenn man so will, war das Stück Papier der Ort seines Ichs.“ Doch er musste seine Aufzeichnungen zurück lassen, was ihm wie der Verlust seiner Persönlichkeit vorkam.

Reemtsma war im Keller in einer Art auf sich selbst zurück geworfen, wie ich mir das vorher gar nicht vorstellen konnte: Absolute Finsternis mit künstlicher Beleuchtung, nur indirekter Kontakt mit der Außenwelt über Inserate in Tageszeitungen, von den Entführern ausgewählte Bücher, spärliche Gespräche mit einem der Entführer, den er niemals sehen durfte, Berichte über missglückte Lösegeldübergaben aus der Sicht eines Entführers...

Sehr klar erkennt Reemtsma in dieser Situation, dass das Ich ein Konstrukt ist, das wir nicht ohne Zutun „haben“. Das Ich entsteht vielmehr in unseren vielfältigen Kontakten mit der Umwelt. Wenn aber keine Umwelt da ist, bzw. wenn sie reduziert ist auf einen einzigen Raum mit Matratze, Armbanduhr, Campingtoilette, Glühlampe, Heizkörper und Ketten – wie soll man dann ein Ich konstruieren?

In der dritten Person berichtet Reemtsma über die Gedanken und Gefühle des Mannes im Keller. Die Süddeutsche Zeitung sieht in dieser fiktiven Figur einen Helden. Diese Auffassung kann ich nicht teilen! Ich habe nur einen Mann gesehen, einen Mann mit starken Gefühlen. Wie oft kommt es schon vor, dass ein Mann von seiner Angst berichtet? Wie oft erlebt man es, dass ein Mann von seinen existenziellen Unsicherheiten spricht? Sogar als Psychotherapeutin höre ich selten von Männern, dass sie sich einer Sache schämen. Als ich mit dem Buch fertig war und es ins Regal stellte, hatte ich das traurige Gefühl, einen guten Freund verloren zu haben, der mir offen und ehrlich über seine Erfahrungen, Gedanken und Emotionen im Keller berichtet hat.

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BUCHBESPRECHUNG

Der Minus-Mann (Ein Romanbericht)

Heinz Sobota

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1978

ISBN 3-462-01261-4

Wer wissen möchte, welche Menschen auf der dunklen Seite des Lebens stehen und anderen Traumatas zufügen, die die allgemein-menschliche Vorstellungskraft bei weitem übersteigen, der muss sich dieses mehr als 25 Jahre alte Buch beschaffen und wie durch ein Guckloch in die Welt eines skrupellosen Psychopathen hinein schauen.

Dieses Buch wurde in einem französischen Gefängnis von einem österreichischen Zuhälter und Gewaltverbrecher in schonungsloser Offenheit  niedergeschrieben. Abgesehen von einer schon im Ansatz gescheiterten Liebesbeziehung zu einer bedingungslos liebenden, reifen Frau, ist kaum ein Verhalten oder eine Gefühlsregung nachvollziehbar.

Weder seine unmotivierte Brutalität, noch seine Anklage gegen „die Gesellschaft“, noch sein Hass gegen seinen Vater sind nachvollziehbar. Auch nicht sein Mangel an positiven Gefühlen, wie Dankbarkeit gegenüber Menschen, die ihm das Leben erleichtern. Einzig und allein seine Mutter weckt ein emotionales Gemisch aus Mitleid, Dankbarkeit und Liebe.

Der Einblick in den Gefängnisalltag ist bestürzend und ich hoffe sehr, dass Herr Sobota mit seinen Enthüllungen über den ganz normalen Strafvollzug, Reformen in Richtung menschenwürdiger Unterbringung angeregt hat.

Noch bestürzender aber ist seine Gefühlskälte. Am dramatischsten sind für mich die Beschreibungen, wie er jungen Mädchen Gewalt angetan hat. In einem Fall hat er den Freund des jungen Mädchens niedergeschlagen und das Mädchen selbst, das er durch zärtliche Zuwendung spielend leicht gewinnen hätte können, brutal vergewaltigte. Als er sein Bedürfnis befriedigt hatte, hat er es seinem Kumpel (das Wort „Freund“ möchte ich hier nicht missbrauchen) zur zweiten Vergewaltigung überlassen und sie dann in der Nacht irgendwo zwischen Wiesen und Wäldern ausgesetzt.

In einem zweiten Fall beschreibt er die Entführung einer jungen Frau, die er unter körperlichen Misshandlungen und psychischen Demütigungen, für den Export nach Deutschland, als Prostituierte „abgerichtet“ hat.

Jede Mutter, jeder Vater kann nur hoffen, dass seine Tochter niemals einem Mann begegnet, der so charmant und verführerisch und so gewissenlos ist, wie Heinz Sobota.

Der Schlüssel zu all diesen Gewalttaten scheint in seinem Selbsthass zu liegen. Über lange Zeit hat man den Eindruck, dass Sobota überhaupt alles machen muss, was verboten ist. Erst eine junge Frau, im Frauengefängnis zwei Stockwerke über ihm, motivierte ihn erstmals, sich angepasster zu verhalten, damit sie einander bei den Haftbegünstigungen sehen können. Als Leserin hatte ich den Eindruck, als wäre er selbst auch nach 100 Jahren Haft nicht auf die Idee gekommen, durch Einhaltung der Spielregeln oder durch Kompromisse einen Vorteil zu erlangen. Im Gegenteil: Würde man das Suppeessen mit der Gabel verbieten, wäre Sobota der erste gewesen, der von diesem Tag an die Suppe konsequent mit der Gabel gegessen hätte und jede Strafe triumphierend angenommen hätte.

Aber was kann ein so konsequent antisoziales Verhalten bei einem Menschen auslösen? Sein Vater war hart und streng. Sein Vater ging fremd und der vierjährige Sohn hat ihn dabei gesehen. Die Mutter war schwach und dem Sohn in bedingungsloser Liebe zugewandt. Für die Mutter war er Partnerersatz. Ist das nicht ein Schicksal von tausenden Männern, der Nachkriegszeit? Nein, ich möchte das kindliche Trauma damit nicht abschwächen – sein Verhalten damit aber auch nicht entschuldigen. Ich kann und will es auch gar nicht verstehen, weil ich mehr Mitgefühl für die jungen Mädchen habe als für den brutalen Gewalttäter. Ich habe auch mehr Mitgefühl für die im Gefängnis missbrauchten und vergewaltigten zart besaiteten jungen Männer als für ihre Vergewaltiger.

Mitgefühl entwickle ich höchstens bei dem Gedanken an das vergeudete, verschwendete Potenzial eines jungen Menschen, der eine hohe Reflexionsfähigkeit, sprachliches Talent, Lebenstüchtigkeit und eine beneidenswerte Vitalität besaß, und daraus – zumindest bis zum Zeitpunkt der Romanabfassung – nichts Positives gemacht hat. Mitgefühl entwickle ich für den jungen Mann, der keine Liebe für sich oder andere empfindet. Mitgefühl entwickle ich für einen Menschen, der nur nimmt und nicht einmal durch ein Gefühl der Dankbarkeit, geschweige denn durch andere Gesten und Verhaltensweisen, eine Gegenleistung erbringt. Im Roman erhalten wir keine Aufklärung darüber, wo er es gelernt hat, dass er nur zu nehmen braucht und niemals geben muss.

Die einzige Frau (abgesehen von seiner Mutter), die in diesem Roman vorkommt und nicht nur missbraucht wird, ist Stella, die die Fähigkeit hat, hinter seiner grausamen Fassade die Person zu sehen. Auf Dauer kann es ein Mensch allerdings nicht ertragen, dass er mehr geliebt wird als er sich selbst lieben kann. So endet diese Liebesbeziehung auch damit, dass sie sich von ihm zurückzieht um ihre Würde zu retten. „Hinter vielen, vielen Schichten, vielleicht unerreichbar, vielleicht doch zerstört, bist du der Mann, den ich liebe, aber ich kann so nicht mit dir leben. … Dein Gehirn verrottet, deine Seele schwimmt im Dreck, und du siehst tatenlos zu. Von all dieser unnennbaren Zärtlichkeit ist nur Zerstörungsdrang und Aggressivität geblieben.“ Das schreibt sie ihm im Abschiedsbrief und der Leser weiß genau so wie er selbst, dass sie damit recht hat.

Aber nicht nur er hat ein fatales Defizit an Selbstliebe, sondern auch die Frauen, die ihn lieben – abgesehen von Stella. Wie selbstverständlich umwerben sie ihn, gehen auf jeden seiner perversen Wünsche ein, lassen sich demütigen und schlagen und gehen für ihn auf den Strich, als ob es der größte Liebesbeweis wäre, für ihn anschaffen zu dürfen.

Dort wo gesunde Menschen Selbstliebe empfinden, gibt es für Sobota nur Egoismus ohne soziales Empfinden. Oft genug kotzt ihn seine eigene Gegenwart an und die der anderen fast immer. Seine Frauen zeigen statt Selbstliebe hündische Ergebenheit ohne Selbstachtung. Sein Kumpel Harry ist eine willenlose Kreatur, die ihm die Drecksarbeit macht. Die bewertende Instanz, die einem Menschen sagt, was gut für ihn und den anderen ist, fehlt vollkommen. Ihnen ist gemeinsam, dass ihr Handeln nicht auf nachhaltiges Wohlbefinden ausgerichtet ist.

Die Auflistung seiner pathologischen Persönlichkeitsmerkmale weckte in ihm „so etwas wie perversen Stolz“. Seiner Freundin Stella gegenüber definiert er sich so: „Du bist ständig Plus, ich pausenlos Minus. … Ich hab Angst vor Dingen, die sich nicht mit Schwanz und Faust zwingen lassen. Es war zulange selbstverständlich erst mal zuschlagen und dann zu überlegen, wenn überhaupt, oder manchmal zu bedauern. Es ist die einfachste, die gültige, die Zuchthauslösung. Wer sie bis heute nicht akzeptieren wollte, dem schlug ich, oder er mir, die Zähne ein. Das direkte Erfolgserlebnis.“ So einfach kann die Logik eines Psychopathen sein.

So dankbar ich Herrn Sobota auch bin, dass er mir Einblick gewährt hat in ein Menschsein, das mir bisher fremd war, so bin ich doch froh das zu Ende gelesene Buch wieder schließen zu können und hoffe, niemals einem Menschen wie ihm zu begegnen.

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BUCHBESPRECHUNG

Das Schweigen des Lichts (Roman)

Tahar Ben Jelloun

Berlin Verlag, 2001

ISBN 3-8270-0427-6

Dieser Roman basiert auf dem Erfahrungsbericht eines Gefangenen, der 18 Jahre in einem geheimen marokkanischen Straflager, namens Tazmamart, inhaftiert war. Sein Vergehen war die Teilnahme an einem Putschversuch gegen König Hassan II. im Jahr 1971. Nach 20 Jahren wurde dieses Gefängnis, in dem es kein Licht und keine Einrichtung gab, dessen Raumhöhe nur 1,50 Meter betrug und in dem selbst das Essen als Folterinstrument diente, auf internationalen Druck geschlossen.

Salim kommt als Zwanzigjähriger ins Gefängnis und verbringt dort seine Tage ohne zeitliche Orientierung, ohne Alter. „Ich habe mein Alter verloren.“ Als er sich kurz vor der Freilassung erstmals in einem Spiegel sah, hatte er Angst vor sich selbst, vor seinem erschrockenen und erschreckenden Blick.

Dreiundzwanzig kamen in dieses Lager, nur drei haben das Martyrium überlebt. Einige haben den Verstand verloren, andere haben Selbstmord begangen oder sind an Mangelerkrankungen gestorben, ein bösartiger Wärter hat auch damit nachgeholfen, dass er ihnen Skorpione in das Kellerloch einschmuggelte, die sie im Schlaf töteten.

Was hat Salim geholfen zu überleben? Seine erste Erkenntnis bestand darin, dass das Erinnern sein Feind war. „Wer seine Erinnerung aufleben ließ, starb bald danach. Es war, als schlucke er Blausäure.“ Seine Aufgabe bestand also darin, jenen Mann, der er vorher einmal war, vollkommen von sich abzuspalten, so als hätte es ihn nie gegeben.

Weiters wurde für ihn die Aufrechterhaltung der Würde zur obersten Pflicht. Sein Glaube half ihm dabei keine Angst zu spüren. Über viele Jahre gelang es ihnen mit großer Disziplin eine Arbeitsteilung und Zeiteinteilung zu praktizieren, die beeindruckend ist. Ein Häftling „las“ den Koran, einer übernahm es nach seinem inneren Gefühl über die Zeit zu wachen und das Jahr, den Tag und die Stunde anzusagen, ein anderer gab Englischunterricht und Salim rezitierte aus Büchern, an die er sich mit fotografischem Gedächtnis erinnerte oder erzählte von Kinofilmen, die er in Marrakech gesehen hatte. Wieder ein anderer fertigte in der undurchdringlichen Finsternis des Kerkers Nähnadeln um ihre zerschlissene Bekleidung zu reparieren. Einer war Experte für Skorpione und half ihnen somit das Attentat des Wärters zu überleben.

Sie mussten am kalten Fußboden schlafen, hatten nur zwei dünne Decken und mussten acht geben in der Nacht nicht zu erfrieren. Wenn einer von ihnen starb, versuchten sie seine Kleider und Decken zu ergattern und gaben sie jenen, die am schwächsten waren. Das Essen war schlecht und mangelhaft. Spülwasser wäre besser gewesen als jene Brühe, die sie ihnen als Kaffee servierten. Doch „die meisten, die umkamen, sind nicht an Hunger gestorben, sondern an Hass.“ Der Hass machte sie schwach und klein und griff ihr Immunsystem von innen an. Salim lernte sehr bald seinen Hass zu überwinden. Und er lernte seinen Körper zu vergessen, indem er sich auf seinen Atemrhythmus konzentrierte.  „Die Hölle war in uns und um uns“. Diese Hölle war ihm nützlich um seine Stärke und Kraft zu messen. Nur in einer körperlosen Welt konnten sie Hunger und Kälte, Verletzungen und Krankheiten überleben.

Die Würde bewahren bedeutete für ihn auch, sich von jeder Hoffnung zu distanzieren. Das bedeutete, „sich weigern, von diesem perversen Hoffnungsstrick abzuhängen“. „Die Hoffnung war eine wie eine Beruhigungsspritze wirkende Lüge.

Aber es gab nicht nur Menschen wie Salim in diesem Gefängnis, der sein Wesen bei jedem Angriff auf seine Würde und sein Leben vervollkommnete. Es gab auch Häftlinge, die böse, eifersüchtig und neidisch waren. Ein Vogel besuchte Salim beispielsweise regelmäßig über das Entlüftungssystem und sang ihm vor, wie das Wetter draußen ist, und Salim fütterte ihn mit Brot. Seinen Zellennachbarn trieb das in rasende Eifersucht, auch wenn die anderen den Koran rezitierten oder Englisch lernten, fühlte er sich ausgeschlossen und wütete und quengelte, wie ein kleines Kind, das von den anderen vom Spielplatz verwiesen wird. Aber auch dieser Gefangene hat das Martyrium bis zu Schluss überlebt. Für mich als Leserin ganz unglaublich: Sowohl die „entwickeltste“ als auch die „unentwickeltste“ Persönlichkeit haben überlebt – als hätte Gott vergessen, für diesen Spezialfall Gesetze aufzustellen. „Der Mensch ist doch ein erstaunliches Wesen! Diese ungeahnten Willensreserven. Trotz aller Schwierigkeiten hält er durch“, sagte ein Wärter, der auch berichtete, dass sie über die Reihenfolge der Toten Wetten abgeschlossen haben.  

Als die Inhaftierten von Tazmamart weg gebracht wurden, rollten bereits die Bulldozer an, die das Gefängnis ausradierten, damit man hinterher sagen konnte, solch ein Ort des Grauens habe niemals existiert.  Für die wenigen Überlebenden war es, als würde man ihnen ihr Leben ein zweites Mal wegnehmen.

Zurück im zivilisierten Leben hielt sich der „Freudentaumel“ in Grenzen. Wer das reichliche Essen zu sich nahm, das ihnen zum Aufpäppeln angeboten wurde, krepierte fast an den Folgen. Als Salim sich erstmals in ein weiches Bett legte, hatte er den Eindruck als stürze er mit einem Fallschirm ab, der sich nicht öffnen lässt. Sein Gebiss war verfallen, seine Wirbelsäule hatte sich gekrümmt, die Galle funktionierte nicht mehr. Vor der Freilassung wurde ihnen mit neuerlicher Inhaftierung gedroht, falls sie auch nur ein Wort gegenüber der internationalen Presse verlauten ließen. Sein Blick versetzte die anderen in Angst und Schrecken. Am sozialen Leben beteiligte er sich nicht. Er konnte seinen Angehörigen nicht  erzählen, was ihm geschehen war, denn Worte reichten dazu nicht aus. „Er steht noch unter Schock. Er ist seltsam! … er hat ein Trauma“, damit überließ man ihn seiner eigenen Welt.

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BUCHBESPRECHUNG

Samarkand. Eine Reise in die Tiefen der Seele.

Olga Kharitidi

Verlag List, 2001

ISBN 3-471-79478-6

Olga Kharitidi, die russische Psychiaterin ist mir bereits als Autorin des erfolgreichen Romans „Das weiße Land der Seele“ bekannt, in dem sie eine spirituelle Reise unternimmt, die mir als Leserin ganz unwirklich realistisch erschien. Eines haben beide Romane allerdings gemeinsam, sie gingen mir durch ihren begriffsstutzigen Stil auf die Nerven. Alle LeserInnen wissen bereits worum es geht, nur die Protagonistin in der Geschichte steht immer noch auf der Leitung. Aber wenn ich davon absehe, sind beide Romane höchst interessant und lesenswert.

Warum ich diese Buchbesprechung in meine Homepage gebe, liegt daran, dass Kharitidi sich darin sehr ausführlich mit Traumatherapie beschäftigt. Vor allem die Beschäftigung mit dem kollektiven Trauma, das jahrhunderte nachwirken kann, ist psychologisch ja noch sehr unterbelichtet.

Einige Passagen entnehme ich unmittelbar von Wladimir, einem geheimnisvollen Mann, an dessen Vortrag die Psychiaterin teilnimmt. Sie sprechen für sich selbst und jede Übersetzung in meine eigene Sprache, könnte ihren Gehalt nur verdünnen.

   „Die Quellen von Unglück und Krankheit nennen wir ‚Trauma’. Und wir glauben, dass wir alle lebendige Verkörperungen des Traumas in uns tragen. In unserer Tradition nennen wir sie ‚Dämonen des Traumas’. Wenn etwas Sie verletzt und Sie das nicht voll und ganz als Teil Ihrer persönlichen Geschichte akzeptieren, entsteht eine Lücke in Ihrer Erinnerung; eine Lücke, die, wenn die Verletzung schlimm genug ist oder häufig wiederholt wird, von einem Dämon besetzt wird. Sie brauchen sich darunter nicht unbedingt ein altmodisches, scheußliches Monster vorzustellen, das auf Ihrem Rücken sitzt und Ihnen das Blut aussaugt.“ … „Sie können darüber auch in Begriffen der neurokognitiven Wissenschaft nachdenken, falls Ihnen der Ausdruck ‚Neurotransmitter’ besser gefällt als ‚Kreaturen der Nacht’. Sie können Sie als andere Manifestation von Wesen oder als nichtintegrierte Verkörperungen bezeichnen; Sie können jede Sprache oder jede Matapher benutzen, die Ihnen gefällt. … Wichtig ist der Prozess. Der interne psychische Prozess, der sich häufig über Generationen durch die Vererbung von Traumamustern fortsetzt, die vielleicht vor sehr langer Zeit bei einem Ihrer Vorfahren durch eine unerträgliche Verletzung entstanden sind.

   Menschliche Gene sind wesentlich flexibler, als wir glauben. Sie nehmen wahr in demselben Maße, wie sie agieren. Wenn sich eine Verletzung erst einmal in den Genen niedergeschlagen hat, agieren diese anders und verzerren die Erinnerung. Dadurch bleibt sie unvollständig. Es entsteht eine Lücke in der Erinnerung, und der Dämon des Traumas nistet sich ein, unbemerkt von unserem Bewusstsein.

   Der Dämon eines Traumas ist am Werk, wenn ein Mann, der eine wunderbare Familie hat, ein angenehmes Leben führt und psychisch stabil ist, eines Morgens aufsteht, seiner Frau eine Nachricht hinterlässt, seinem elfjährigem Sohn einen Abschiedskuss auf die Stirn drückt und mit dem Rasiermesser in der Tasche auf den Friedhof geht. Und auf dem Grab seines Vaters, der sich, als sein Sohn genau elf Jahre alt war, erhängte, schneidet er sich die Kehle durch. Er schneidet so tief, dass das Grab mit seinem Blut getränkt ist, als die Polizei ihn findet, und dass nur ein medizinisches Wunder ihn wieder ins Leben zurückbringen kann. Wenn er wieder aufwacht, kann er nicht erklären, was geschehen ist. Er kann nichts sagen, außer dass sein Vater ihm so Leid tat und dass er bei ihm sein wollte.“ …

   „Derselbe Mechanismus funktioniert auch bei kleineren Dingen. Sobald wir in diese Welt eintreten, fangen wir an, im Korb unseres Gedächtnisses individuelle Verletzungen zu sammeln. … Jedes Geschöpf versucht zu überleben. Das gilt auch für die Dämonen des Traumas. Sie müssen ‚essen’. Sie sind immer hungrig. Sie schaffen ‚Nahrung’ für sich, indem sie mehr Schmerz erzeugen. Wie kommt das Paradox zustande, dass Opfer von Misshandlungen selbst zu den schlimmsten Misshandlern werden? Das ist nicht logisch, aber für die Dämonen des Traumas ist es absolut ‚folgerichtig’, in Opfern von Misshandlungen zu wachsen und sich zu ernähren, indem sie den Schmerz wieder von neuem erzeugen.“ (S. 65f)

   … „Es gibt drei Gründe, warum es für jeden lebenswichtig ist, den Kampf gegen die Dämonen des Traumas zu gewinnen. Erstens, weil der Sieg über die Dämonen Heilung bedeutet, er beseitigt das Unglück und heilt Krankheiten. Krankheiten sind das Mittel, mit dessen Hilfe der Organismus versucht, das Trauma auf eigene Faust zu bekämpfen. Wie oft habe ich erlebt, dass Menschen in ganz bestimmten Lebenssituationen krank werden und nach Hilfe verlangen, Situationen, in denen der Dämon bei einem Menschen mit lückenhafter Erinnerung plötzlich aktiv wird. Deswegen treten viele Heilerfolge ein, wenn der Patient in der Lage ist, die Wurzel des Traumas auszumerzen.

   Zweitens glauben wir unter Berufung auf unsere Tradition, dass alles, was wir tun, mit den Generationen vor uns zusammenhängt und sich auf die Generationen nach uns auswirkt.“ …

   Drittens geht es dem Referenten Wladimir um den Tod. „Weil er eine Angst auslöst, die wir alle empfinden.“ Nicht als Angst vor dem Unbekannten, sondern als „Angst vor dem Bekannten, das von unserem Bewusstsein aber nicht als real anerkannt wird. Im Laufe unseres Lebens nisten sich die Traumata, die wir erleben, in uns als schmerzhafte Knoten ein, die von den Dämonen noch fester gezurrt werden. Wenn sich diese Knoten im Laufe unseres Lebens nicht lösen, wird das nach unserem physischen Tod geschehen. Und es spielt keine Rolle, ob man an ein Leben nach dem Tod glaubt oder nicht. … Würde es für Sie von großer Bedeutung sein, ob das alles innerhalb von Minuten nach dem Tod geschieht, obwohl Sie persönlich es als eine Ewigkeit der Qual erleben?“ (S. 67 – 70)

Wladimir und seine Leute werden „Traumheiler“ genannt. Sie „arbeiten mit der Wiederherstellung der Erinnerung in  Träumen und lassen so in der Erinnerung keinen Raum mehr für die Dämonen des Traumas, wenn sie geheilt ist. Wir bringen den Menschen bei, ihren Traumata ins Gesicht zu sehen und zu sagen: ‚Ich kenne dich. Ich kenne deinen Namen’, und sich so davor zu schützen, dass sie von den Dämonen zerstört werden.“ (S. 74)

Wladimir wendet sich mit seinem seit Generationen weitergegebenen Wissen auch an die westliche Welt, in der es keine Übergangsrituale mehr gibt, in denen traumatische Knoten der Vergangenheit durch Initiationsriten gelöst werden. Stattdessen häufen sich die Traumata auf einer kollektiven Ebene an und schaffen ein Bedrohungspotenzial, das noch gefährlicher ist als zu der Zeit, als die Dämonen des Traumas Weltkriege auslösten.

Seinen Vortrag beendet Wladimir mit der Einladung, die Traumaarbeit in Samarkand, in Zentralasien, kennen zu lernen um als geheilter Mensch auch andere zu heilen und Heilung für die Welt zu bewirken.

Der weitere Roman erzählt davon, wie die Psychiaterin ihre eigenen Traumata in Samarkand heilt.

Auf diese Geschichte möchte ich gar nicht weiter eingehen. Für mich ist es viel relevanter, dass ich beim Lesen dieses Romans erstmals erfahren und verstanden habe, wie wichtig Gedenkstätten für die Heilung von Traumata sind. Ich denke dabei an die jährlichen Treffen von Überlebenden aus den KZs. Wie wichtig es doch für diese Menschen ist, dass sich ihre Erinnerungslücken schließen, damit sich dort nicht „die Dämonen des Traumas“ oder Angst und Panik einnisten.

Ich selbst habe heuer im Frühjahr eine Gedenkstätte in Slowenien für die Opfer der Partisanen besucht und war tief bewegt davon, auf einem Holzsteg buchstäblich ‚über Leichen zu gehen’.

Die Überlegungen zum kollektiven Trauma lassen mich auch verstehen, warum Serben und Kroaten noch heute von der Schlacht am Amselfeld reden, als hätte sie nicht vor Jahrhunderten, sondern erst vor ein paar Jahren stattgefunden.

Sie helfen mir eine Antwort zu finden, warum die Nachkommen der Juden heute als bis an die Zähne gerüstete Militärmacht ohne Skrupel die Palästinenser unterdrücken und libanesische Städte bombardieren.

Sie helfen mir auch zu verstehen, warum für die Muslime die Kreuzzüge noch  gegenwärtiger sind, als mir die Nachrichten von gestern Abend. Wenn also heute ein Christ eine Karikatur Mohammeds zeichnet oder der Papst den Fortschritt im Islam in Zweifel zieht, dann treiben die Dämonen der Kreuzzüge abertausende Muslime hasserfüllt auf die Straßen. Ihre Dämonen verschließen ihnen die Augen und sie sehen keinen Unterschied mehr zwischen einem Kreuzritter und dem Papst. Sie haben dann keine Hemmungen, ihn mit Mussolini oder Hitler gleich zu setzen.

Auch unter einander kämpfen die Schiiten und die Sunniten einen erbitterten und manchmal tödlichen Kampf, der auf die Auseinandersetzung zweier Frauen Mohammeds um deren Religionsauslegung zurückgeht und in jeder Generation die Knoten des Traumas fester gezurrt hat.

Wenn ich über das alles nachdenke, wird mir klar, dass ich meine persönlichen Knoten lösen muss, damit ich nicht von kollektiver Angst erfasst werde, und den Mitmenschen und der Welt dann keinen Dienst mehr erweisen kann. Ich reise nicht besonders gerne, darum werde ich auch nicht nach Samarkand fahren. Zum Glück bietet unsere eigene Kultur ebenfalls eine Menge Methoden zur Behandlung und Auflösung von Traumata. Sei es die, schon seit 100 Jahren bewährte Psychoanalyse oder das modernere EMDR. An den Methoden mangelt es bei uns nicht. Ich hoffe, dass die Einsicht, wie wichtig es ist Traumatisierungen zu integrieren, auch durch Bücher wie Olga Kharitidis „Samarkand“ immer mehr und mehr Menschen erreicht.

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