Spiritualität ohne Gott

Vorwort

Ich persönlich habe mich immer als spirituellen Menschen verstanden. Aber wo ich auch hingekommen bin, haben andere mich als nicht spirituell definiert.

Woran mag das liegen?

Vielleicht liegt es an unterschiedlichen Definitionen von Spiritualität.

Wikipedia:

Spiritualität (v. lat.: spiritus = Geist, Hauch) bedeutet im weitesten Sinne eine Form von Geistigkeit in der alles Wirkliche Geist oder Erscheinungsform des Geistes ist.

An dieser Stelle nickt mein konstruktivistisches Denken: Ja, genau so ist es: Wir haben gar keine Ahnung von der wirklichen Wirklichkeit. Alles was wir als wirklich wahrnehmen, wird uns durch unsere Sinne vermittelt und wir haben keine Ahnung, wie zuverlässig diese Wahrnehmung ist. Und wenn in unserer Welt auch fast alles in Gegensatzpaaren auftritt, wie das Gute und das Schlechte, das Grosse und das Kleine, so gibt es zur Wahrnehmung als Gegensatz die Falschnehmung nicht. Wenn zwei streitende Ehepartner einem unabhängig von einander vom selben Sachverhalt erzählen, hat man eher den Eindruck es müsste sich um zweifache Falschnehmung als um Wahrnehmung handeln.

Spiritualität steht für die Verbindung zum Transzendenten oder der Unendlichkeit.

Da jauchzt mein systemisches Denken: Ich bin zutiefst überzeugt, dass unser gesamtes Tun bis ins Unendliche Auswirkungen hat und wieder Rückwirkungen auf uns hat. Alles hat Auswirkung und Rückwirkung und wieder Auswirkung und Rückwirkung bis ans Ende aller Tage. 

Religiöse Spiritualität ist auch eine Art Lebenspraxis.

Bei Jan Philipp Reemtsma lese ich nach, was „religiös“ bedeutet:

„Religiös ist derjenige, der meint, was immer wir auf diesem oder jenem Wege noch über die Welt herausbekommen können: das, was die Welt im Innersten zusammenhält, das Geheimnis der Welt, ihr Sinn - also irgendwie: das Eigentliche wird es nicht sein. Und: auf dieses Eigentliche kommt es an. Denn wer sagt, die Wissenschaften könnten auf alle diese Fragen keine Antwort geben, aber er empfinde das auch keineswegs als Mangel, ist deutlich nicht religiös. Religiös ist derjenige, der die Welt aufteilt in das, was unserem Wissenwollen zugänglich und gerade darum nicht das Wesentliche ist, und das andere, Wesentliche, zu dem es einen anderen Zugang geben muss.“ [1]

Wenn ich die Definition von Reemtsma heranziehe, muss ich ganz klar sagen: Religiös bin ich nicht. Aber ich sage ganz deutlich: das Wesentliche – das Geheimnis der Welt – der Sinn im Leben liegt im Verborgenen. Und ich sage, dass die Wissenschaften darauf keine Antwort finden werden, und das fehlt mir nicht, weil ich von den Wissenschaften darauf auch keine Antwort erwarte.

Und ich gehe noch weiter und sage: Es gibt etwas anderes, das zwar nicht der Wissenschaft – auch nicht der Psychologie im Allgemeinen – zugänglich ist, aber sehr wohl dem Einzelnen. Und das ist die persönliche Erfahrung. Die persönliche Erfahrung, zu der uns unsere Wahrnehmung verhilft und mit gespeicherten Erfahrungen in Beziehung setzt.

Aber nochmals zurück zu Reemtsma, der mir die Antwort darauf gibt, wo jene Leute, die den Standpunkt vertreten, dass ich nicht spirituell sei, ihre Legitimation hernehmen: Der religiöse Mensch beansprucht für sich, einen privilegierten Zugang zur Wahrheit zu haben.

„Für einen religiösen Menschen ist - eigentlich - eine säkulare Gesellschaft eine Gesellschaft des Irrtums. Diese Ansicht teilt die Geistlichkeit Teherans mit der (orthodoxen) Geistlichkeit Jerusalems und der Geistlichkeit Roms.“

Und genau diese Überheblichkeit, dass manche religiös Spirituellen meinen, sie wüssten besser, wie die Welt und das Leben funktioniert ist es, woran ich mich gestoßen habe – insbesondere bei unserer letzten Fortbildung mit einer Theologin, die in ihren Nebenbemerkungen deutlich zu verstehen gab, was sie vom selbstfabrizierten Gott diverser Esoteriker hält. Sie, die ausgebildete Theologin, die exakt weiß, wie wir uns Gott vorzustellen haben, oder die vielleicht sogar weiß, wie Gott ist.

Hingegen:

„Die Öffentlichkeit einer säkularen Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass sie die Vorstellung eines solchen privilegierten Zugangs zur Wahrheit nicht kennt. Die säkulare Gesellschaft ist keine profane Theokratie: die "wissenschaftliche Weltanschauung" (wenn es denn so was überhaupt gibt, woran ich zweifle) tritt in ihr nicht an die Stelle einer Religion, auch wird der Religiöse auf Grund seiner Ansichten von sich selbst, seiner Idee, einen privilegierten Zugang zur Wahrheit zu haben, nicht für wahnsinnig gehalten oder sonst wie diskriminiert. Damit kümmert sich eine säkulare Gesellschaft um genau das nicht, was einem religiösen Menschen - wenn er es ernst meint - das Wichtigste sein muss.“

Und genau da finde ich mich aufs Neue wieder:

  • Ich halte Menschen, die an Gott glauben – egal wie sie ihn definieren oder nennen – nicht für verrückt.
  • Ich halte Menschen, die an Allah oder andere Wesenheiten, an einen oder mehrere Götter oder Göttinnen glauben auch nicht für „bessere Menschen“.
  • Ich glaube auch nicht, dass es Theologen – egal welcher Religion – gibt, die besser wüssten als ich, wer und was Gott ist, denkt oder tut.
  • Ich glaube nicht, dass ich unter den 7 Milliarden Menschen das Privileg habe, besser zu wissen, wer oder was Gott ist, als die anderen.
  • Ich halte Wissenschaft und Glaube nicht für Gegensätze, sondern für so verschieden, dass sie so viel oder so wenig miteinander zu tun haben, wie Brot und Rosen.
  • Ich respektiere den Glauben eines Menschen als das Intimste, das er hat. Dazu KH Böhm auf die Frage, sind Sie eigentlich gläubig?
    “Das ist die intimste Frage, die Sie mir stellen können. Wenn Sie mich nach meinem Geschlechtsverkehr fragen, wäre das wesentlich weniger intim. Ich kann Ihnen nur eine klare Antwort geben. Sehen Sie auf meine Arbeit, darauf, was ich tue.“ Und einen Absatz später noch einmal differenzierend: „Wenn Sie fragen würden, ob ich einer christilichen oder anderen Religionsgemeinschaft angehöre und aktiv in irgendeiner Form mitarbeite, das ist eine Sache. Aber sie fragen mich ja, ob ich glaube.“ ... „Was ich glaube, sehen Sie an meiner Arbeit.“[2]
  • Es ist mir nicht wichtig, was andere Menschen glauben. – Es sei denn, sie fügen sich selber damit Schaden zu. Wenn meine KrebspatientInnen glauben, dass ihre Erkrankung eine Strafe Gottes ist, dann thematisiere ich diesen „Glauben“. Wenn jemand Angst vor dem Jenseits hat und sich dort ein Strafgericht vorstellt, dann thematisiere ich diesen „Glauben“. Ich spreche über Glaubenssätze, die kontraproduktive Auswirkungen haben und ich spreche über Glaubenssätze, die positive Auswirkungen haben, weil ich sie gut in meiner Arbeit zum Wohle der KlientInnen nützen kann.
  • Und ich betone nochmals: Ich glaube nicht, dass mein Glaube einen höheren oder geringeren Wahrheits- oder Richtigkeitsgehalt hat, als jeder andere Glaube.
  • Als Resümee: Ich betrachte mich als spirituellen aber nicht religiösen Menschen, womit meine Ansichten mit einer säkularen Gesellschaft kompatibel sind, nicht aber mit religiösen Welterklärungen.

Und damit bin ich bei meinem ureigensten Anliegen, der Verbreitung einer spirituellen Psychologie angelangt.[3]

Mit einem Lächeln zitiere ich Thorwald Dethlefsen, „dass der einzige Grund, warum ein Mensch in diese Welt inkarniert wurde, der ist, Psychotherapie zu machen.“

Im Ernst würde ich sagen: Der Sinn unseres Lebens ist es, uns unseres Selbst immer mehr bewusst zu werden und unsere Anlagen zu entfalten. Und die wirkungsvollste Methode, sich besser kennen zu lernen und unsere Entwicklung zu forcieren, ist in unserer westlichen Welt die Psychotherapie.

Einige Thesen aus der spirituellen Psychologie:

„...Wachstum des menschlichen Geistes ist das Ziel der menschlichen Existenz.“

„Das Leben ist schwierig.“

Wenn man das anerkennt, ist es gar nicht mehr so schwierig. Wer immer einen Rosengarten erwartet, tut sich schwer.

„Das Leben ist eine Serie von Problemen. Wollen wir darüber klagen oder sie lösen?“

„Disziplin gehört zu den Grundwerkzeugen, die wir brauchen, um die Probleme des Lebens zu lösen.“ „Mit totaler Disziplin können wir alle Probleme lösen.

„Nur durch Probleme wachsen wir.“

„Die Neigung, Problemen und den ihnen innewohnenden gefühlsmäßigen Leiden auszuweichen, ist die Hauptgrundlage aller menschlichen seelischen Krankheiten.“

Einige besitzen den Mut, sich ihren Neurosen zu stellen, und fangen mit Hilfe der Psychotherapie an, „zu lernen, wie man echtes Leiden erlebt.

„... ohne Heilung beginnt der menschliche Geist zu schrumpfen.“

„... unsere Kinder sollten lernen, dass Leiden notwendig und wertvoll ist...“

„Disziplin ist: „Aufschub von Belohnungen, Akzeptieren von Verantwortung, Hingabe an die Wahrheit und Ausgewogenheit.“

„Wenn wir uns selbst und unseren Kindern Disziplin beibringen, dann zeigen wir ihnen und uns, wie man leidet, und auch, wie man wächst.“

„Ich kann ein Problem nur dann lösen, wenn ich sage: ‚Das ist mein Problem, und es ist meine Sache, es zu lösen.’“

„Wenn sie geheilt werden sollen, müssen sie früher oder später lernen, dass das ganze erwachsene Leben eine Abfolge von persönlichen Wahlen, von Entscheidungen ist. Wenn sie dies ganz akzeptieren können, werden sie freie Menschen.“

„Lügen ist ein Versuch, legitimes Leid zu umgehen, und erzeugt daher seelische Krankheit.“

Liebe ist der „Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nähren.“

„Liebe ist anstrengend.“

„Wirkliche Liebe tritt oft in einem Zusammenhang auf, in dem das Gefühl der Liebe fehlt, nämlich dann, wenn wir liebend handeln, obwohl wir keine Liebe empfinden.“

„Sich zu verlieben ist keine Ausdehnung der eigenen Beschränkungen oder Grenzen, sondern ein teilweiser und vorübergehender Zusammenbruch dieser Grenzen.“

„Die Erfahrung wirklicher Liebe hat mit der Ausdehnung der Ichgrenzen zu tun, in Richtung des geliebten Menschen, dessen Wachstum wir fördern wollen.

„Spirituelles Wachstum kann nur durch das „beständige Üben wirklicher Liebe erreicht werden.“

„Passiv abhängige Menschen „sind so mit dem Bemühen beschäftigt, geliebt zu werden, dass sie keine Energie übrig haben zu lieben.“

„Mann kann nur dann sicher sein, dass man geliebt wird, wenn man ein Mensch ist, der liebenswert ist, und Sie können nicht liebenswert sein, wenn es Ihr Hauptziel im Leben ist, geliebt zu werden...“

„Wann immer wir meinen, etwas für einen anderen Menschen zu tun, leugnen wir in gewisser Weise unsere eigene Verantwortung.“

„Jeder, der wirklich liebt, kennt die Freude zu lieben.“

„Alles Leben stellt an sich ein Risiko dar, und je liebender wir unser Leben leben, desto mehr Risiken gehen wir ein.“

„Wenn man sich in irgendeine Dimension ausdehnt oder wächst, wird man immer durch Schmerz wie durch Freude belohnt. Ein volles Leben ist auch voller Schmerz.“

„Verpflichtung ist die Grundlage, der gewachsene Fels jeder echten liebevollen Beziehung.

Wenn ich eine langfristige Therapie beginne, gehe ich eine Verpflichtung ein gegenüber diesem Menschen. Und ich werde mit dieser Person arbeiten, so lange es nötig ist, ob das nun ein Jahr, fünf Jahre, zehn Jahre oder wie lange immer dauert. Der/die KlientIn wird der/die jenige sein, welche/r diese Beziehung beendet. Falls ich nicht vorher sterbe, stehen meinen KlientInnen meine Dienste so lange zur Verfügung, solange sie sie haben wollen.

Der Punkt an dem die KlientInnen ihre Verpflichtung gegenüber dem Therapeuten und dem Heilungsprozess zu zeigen beginnen, ist der Wendepunkt in der Therapie.

Über diese Thesen hinausgehend möchte ich darauf hinweisen, dass die Logotherapie, die auf Viktor Frankl zurückgeht, insbesondere die Suche nach dem Sinn des Lebens in den Mittelpunkt stellt. Dabei geht es nicht darum, einen irgendwo vorhandenen Sinn zu suchen, sondern gemeinsam einen Sinn zu entwickeln, zu kreieren. Frankl selbst hat sich meines Wissens nie über seine eigenen Gottesvorstellungen geäußert.

Genau so möchte ich es auch in meiner Arbeit, sei es in Psychotherapie oder in der Arbeit mit todkranken Menschen halten: Meine Gottesvorstellung ist ganz intim. Die Gottesvorstellung oder der Glaube meiner KlientInnen ist nur insofern relevant, als er unterstützend oder schwächend für die Bewältigung der jeweiligen Probleme ist.

Sowohl die spirituelle Psychologie, als auch die Logotherapie zeigen auf, dass Spiritualität ohne Gott möglich ist. 


[1] Jan Philipp Reemtsma, Muss man Religiosität respektieren? Der Standard, 22./23. 9. 2007

[2] Karlhein Böhm interviewt von Alice Puntschart, Kleine Zeitung, 16. September 2007

[3] Scott M. Peck, Der wunderbare Weg. Eine neue spirituelle Psychologie. Goldmann, 1978, 2002

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