Familienaufstellungen

* Stammbaum erarbeiten
* Mit RollenspielerInnen ein neues Bild der Familie konstruieren
* Arbeit mit dem Familienbrett

Die Aufstellungsarbeit von Bert Hellinger

 

Bert Hellinger zähle ich zu den strukturalistischen systemischen Therapeuten. Er geht von Gesetzmäßigkeiten aus, die er in seiner Arbeit beobachtet hat und die - zumindest in unserem Kulturkreis - wirken. Er nennt sie, die Ordnungen der Liebe. Wird die Ordnung eingehalten, kann der Mensch “heil” sein. Wird die Ordnung verletzt, gibt es ganz bestimmte Folgen (Verhaltensstörungen, Krankheiten, Scheidungen etc.). Er selbst bezeichnet seine Arbeit als phänomenologisch-systemisch.

Damit steht er im Gegensatz zu vielen anderen systemischen Richtungen, insbesondere zur konstruktivistischen. Konstruktivismus bedeutet davon auszugehen, dass es keine objektiv zu erkennende Wahrheit gibt, sondern nur Konstruktionen von der Wirklichkeit. Aus konstruktivistischer Sicht ist alles erlaubt und alles hat seinen Preis. Ein Konstruktivist beispielsweise untersucht jedes System als absolut einmalig und hinterfragt, welche Auswirkungen unterschiedliche Handlungsweisen und Bewertungen eines Menschen auf sich selbst und auf andere haben. Nichts wird von vornherein als feststehend angenommen. Alles kann so sein UND auch ganz anders.

Konstruktivisten würden beispielsweise nachforschen, welche Auswirkungen eine Abtreibung in der Familie auf die anderen Geschwister und das Elternpaar hat. In diesem Sinne beschäftigen sich konstruktivistische Systemiker vor allem mit den Prozessen der Wahrnehmung, der Erklärung, der Bewertung, der Kommunikation und dem Verhalten im Beziehungsgefüge. Hellinger hingegen postuliert aus seinen Erfahrungen heraus allgemein gültige Gesetzmäßigkeiten. Wenn beispielsweise ein Kind abgetrieben wurde, sagt Hellinger, dass damit auch der Partner abgetrieben wurde. Seine Aussagen sind absolut - ohne Relativierung.  Er stellt seine Sätze nicht zur Diskussion - sie sind Intervention. Er betont aber auch immer, er sei gerne bereit etwas Neues zu entdecken. Voraussetzung für eine Frage ist allerdings die eigene Betroffenheit. Er führt keine allgemeinen Diskussionen.
Hellinger und die von ihm beeinflussten TherapeutInnen verwenden gerne die Formulierungen, „es zeigt sich...“ oder diverse Zusammenhänge kommen „zum Vorschein“. Diese Formulierungen legen nahe, dass es eine „Wirklichkeit“ gibt, die vom Aufstellungsleiter sozusagen hinter einem Vorhang hervor geholt wird. Aus konstruktivistischer Sicht wird die jeweilige Beschreibung der Familie in der Familienaufstellung in einem gemeinsamen kreativen Akt vom Aufsteller, dem Aufstellungsleiter, den RollenspielerInnen, den ZuschauerInnen und unzähligen Einflüssen, wie etwa Tagesverfassung der beteiligten Personen etc. konstruiert.

Systemelemente

Das Systemische kommt in beiden Ansätzen darin zum Ausdruck, dass die meisten systemischen Richtungen davon ausgehen, dass jeder einzelne Teil eines Netzwerkes von Beziehungen ist. Der Einzelne ist gleichzeitig Teil vieler Systeme. Wer Teil eines Systems ist, trägt auch seinen Anteil zu den Problemen des jeweiligen Systems bei, egal ob er das bewusst reflektieren kann oder nicht. Sein Verhalten ist zugleich vom System verursacht und verursachend im System.

Für eine große Anzahl systemischer Therapeuten insbes. der Familienaufsteller, besteht das System aus Personen und eventuell auch noch abstrakten Elementen, wie etwa der Krankheit, dem Familienziel, dem Alkohol etc.Im Sinne des Konstruktivismus besteht das System jedoch aus Kommunikation. Sobald die Kommunikation zu Ende ist, löst sich das System auf.

Faktensammlung vor der Familienaufstellung

 

Bei der Faktensammlung wird vor allem auf schicksalsschwere Ereignisse fokussiert (z.B. Todesfälle, Abtreibungen, Morde, Selbstmorde, Psychosen, schwere Krankheiten, Musterwiederholungen ...) Hellinger unterbindet jegliche Deutung der Fakten (bspw. ein “guter” oder “schlechter” Mensch ...) und verhindert Theoriebildungen und Diskussionen in oder nach der Aufstellung.

Von seinen Kritikern wird ihm aus diesem Grund häufig Menschenverachtung und Respektlosigkeit gegenüber seinen KlientInnen vorgeworfen.

Hellinger vertraut auf die Wirkung der Erfahrung der Aufstellung. Nachbesprechungen oder Nachbetreuungen lehnte er jahrelang ab. Dieser Punkt wurde häufig kritisiert und führte schließlich zu einer Meinungsänderung. Personen, die an seinen Aufstellungen teilnehmen, müssen zwar schriftlich ihre Eigenverantwortlichkeit bestätigen, sind aber in psychischen Ausnahmesituationen (z.B. bei tödlichen Krankheiten) vielfach nicht in der Lage die Tragweite der kommenden Ereignisse abzuschätzen.

Ein dritter Kritikpunkt bezieht sich auf die Größe seiner Veranstaltungen, die selten unter 300 Personen liegt. Hier wird ihm Größenwahn und Missbrauch der KlientInnen vorgeworfen und seinem Publikum Voyeurismus.

Wenn die RollenspielerInnen aufgestellt sind, werden sie nach ihrem Befinden gefragt. Hellinger korrigiert die Stellungen zueinander so lange, bis alle im System ihren gemäßen Platz einnehmen. Er bezieht Ausgeschlossene zu diesem Zweck ein oder schließt Anwesende aus, wenn sie “ihre Zugehörigkeit zum System verspielt haben” (z. B. wenn sie einen Mord begangen haben). Wenn er den Eindruck hat, dass der Klient die Aufstellung nicht ernst nimmt, bricht Hellinger sie sofort ab (“die Seele ist noch nicht bereit”). Manchmal verwendet er die Frustration des Abbruchs auch als Intervention. Wenn eine gute Lösung gefunden wird, spricht er von “Gnade”. Er führt keine Diskussionen über die Ergebnisse. Er überlässt es den Klienten ob sie sein “Geschenk” annehmen oder ablehnen.

Seine Aufgabe sieht er darin, die KlientInnen mit den heilenden Kräften aus der Familie in Kontakt zu bringen und die verborgene Liebe ans Licht zu bringen. Dabei bedient er sich häufig Methoden wie tiefe Verneigung, Niederknien oder Niederwerfung vor den Eltern um eine in der Kindheit “unterbrochene Hinbewegung” zur Vollendung zu bringen.

Voraussetzung für das Gelingen von Beziehungen sind BINDUNG, ORDNUNG und AUSGLEICH.

Durch unser Gewissen sind wir an die Regeln und Normen des Systems gebunden, in das wir hineingeboren wurden. Das Kind eines Pastors hat das Gewissen der Pastorenfamilie, das Kind eines Mafioso hat das Gewissen der Mafiafamilie. Das Kind erlebt seine Bindung als Liebe und Glück. Dabei spielt es keine Rolle, ob und wie sich das Kind in dieser Familie entfalten kann oder ob es verkümmert. Die biologische Elternschaft reicht für die Entstehung der Bindung aus. Das Kind, das von seiner Mutter verschenkt wurde, weil sie krank, unfähig oder asozial war, bleibt trotzdem an diese Mutter gebunden.

Die Ordnung in der Familie ist eng mit der Zeit gekoppelt. Wer zuerst da war, hat Vorrang. Die Eltern haben Vorrang vor den Kindern. Die Kinder aus erster Ehe haben in gewisser Weise Vorrang vor dem zweiten Partner oder den Kindern aus zweiter Ehe. In anderer Weise hat aber das neue System Vorrang vor dem alten.

Zur Ordnung gehört auch, dass alle dazugehören, auch Versager, kleine Kriminelle, uneheliche Kinder, totgeborene oder abgetriebene Kinder, psychisch Kranke ...

In einer Beziehung müssen Geben und Nehmen ausgeglichen sein. Nimmt der Geber nichts an, erzeugt er Aggression. Am besten der Nehmer gibt immer ein bisschen mehr zurück, dann kann auch der andere wieder etwas mehr geben. Je größer der Umsatz von Geben und Nehmen, desto größer ist das Glück. Wer nur gibt, hält sich für Besser und will sich zu nichts verpflichten. Wenn jemand nichts zurückgeben kann (etwa wegen einer Behinderung) ist das Danken die einzige Form des Ausgleichs.

Einige exemplarische Thesen bei Hellinger

Niemand kann sich von seinen Eltern befreien. Jeder Mensch istseine Eltern. Die Eltern müssen “genommen” werden, ohne Kritik und Tadel, so wie sie sind. Einwände und Vorbehalte sind Anmaßungen. Wer seine Eltern so nimmt, wie sie sind, kann das Gute von ihnen übernehmen und sich frei entscheiden ihnen in problematischen Dingen nicht zu folgen.

Depressiv ist u. a. wer die Eltern (oder die Mutter bzw. den Vater) nicht genommen hat.

In der Kinderseele herrscht eine magische Vorstellung: Liebe ist, wenn ich so (krank, verrückt, unfähig...) werde wie mein Vater / meine Mutter

“Leiden ist leichter als handeln”, daher leiden manche Nachgeborene für ihre Vorfahren (z. B. für die Mutter, die bei der Geburt gestorben ist), anstatt zu Ehren der Mutter etwas Besonderes zu vollbringen.

Versöhnung zwischen Opfer und Täter (bspw. Ehebrecher) wird erst möglich, wenn das Opfer böse/wütend/zornig wird und Sühne fordert.

Verzeihen steht bspw. dem Opfer eines sexuellen Missbrauchs nicht zu. Die Schuld bleibt beim Täter und er muss sie tragen.

Die Tochter, die sich vom Vater missbrauchen ließ, hat es aus Liebe zur Mutter getan oder zum Vater.

In der zweiten Partnerschaft ist die Bindung nicht mehr so tief wie in der ersten, obwohl Liebe und Glück größer sein können. Die erste Trennung ist die schmerzlichste. Wenn der Partner aus erster Ehe nicht geachtet wird, fühlt sich die Seele eines Kindes aus zweiter Ehe mit diesem solidarisch und scheitert oder wird krank.

Trennungen gelingen, wenn sich die Partner versichern, das Gute aus der Beziehung mit in die Zukunft zu nehmen. Das tut weh, aber dieser Schmerz ist notwendig um für eine neue Partnerschaft reif zu werden.

Dynamik der Bulimie: Aus Treue zur Mutter isst das Kind (zu viel) und aus Treue zum abgewerteten Vater erbricht es alles wieder.

Dynamik der Magersucht: Der Vater spürt einen Sog aus der Familie raus zu gehen, hin zu verstorbenen Familienmitgliedern. Die Tochter signalisiert ihm, “lieber gehe ich als du, lieber Papa”.

Wenn ein Kind in die Rolle des Partners für die Mutter oder den Vater hineinschlüpft oder hinein gedrängt wird, bestraft sich das Kind häufig dadurch, dass es verrückt oder kriminell wird oder Selbstmord begeht oder einem kirchlichen Orden beitritt.

Herzbeschwerden sind ein Zeichen von unterdrückter Liebe, beispielsweise wenn Eltern keinen Kontakt mehr haben zu einem Kind. Dabei ist es gleichgültig, ob die Liebe bei der betreffenden Person ankommt oder nicht.

Bei Kindern mit Neurodermitis fehlt der Segen eines früheren Partners des Vaters oder der Mutter.

Kopfschmerzen und Migräne sind aufgestaute Liebe. Ausatmen und an die geliebte Person denken und freundlich schauen sind einfache Wege, die Liebe dorthin fließen zu lassen, wo sie hingehört.

Kritik an den genannten Thesen

Zahlreiche BerufskollegInnen lehnen diese Thesen ab, weil sie von Hellinger und seinen SchülerInnen wie objektive Gesetzmäßigkeiten gehandelt werden. Seine Thesen verleiten zu autoritärer Vorgangsweise. Seine Sichtweise wird von vielen Frauen als patriarchalisch abgelehnt.

Die Verführung, jemandem zu folgen, der weiß was richtig ist, ist enorm. Der Mensch und sein individuelles Schicksal werden allzu leicht übersehen, wenn allgemeine Thesen, die nach Stichworten geordnet in Büchern nachzulesen oder auf CD-Rom abzufragen sind, zu stark in den Vordergrund treten. (“Der respektlose Therapeut gibt dem Bedürfnis, einer bestimmten Theorie zu folgen, nicht nach, wie er sich auch nicht verführen lässt, den Regeln des Klienten oder des überweisenden Systems (z.B. den Gerichten oder den sozialen Wohlfahrtseinrichtungen) zu folgen.” Cecchin/Lane/Ray 1993.

Aus konstruktivistischer Sicht möchte ich hinzufügen: “Es könnte alles auch ganz anders sein.”

Ich sehe diese Thesen als von Hellinger erschaffen an, nicht aber als da gewesene, die von ihm ‚entdeckt’ wurden. Mag sein, dass sie häufig zutreffen, aber keinesfalls immer. Sie sind für mich zu berücksichtigen, aber keineswegs bindende Wirklichkeitsauffassungen.


 

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