Nicht alles was wir „Depression“ nennen ist eine Depression

Nicht alles was wir umgangssprachlich als Depression bezeichnen ist auch wirklich eine Depression. Häufig sagt man: „Ich bin depressiv“ und meint damit, dass man niedergeschlagen oder lustlos ist. Auch Trauer sieht manchmal wie eine Depression aus. Bei normaler Niedergeschlagenheit gibt es für  die meisten Menschen einen Dreh, mit dem sie wieder aus dieser Stimmung herauskommen. Der Trauerprozess dagegen hat seinen natürlichen Verlauf. Er ist wie ein Fluss, der sich nicht antreiben lässt.

Stimmungstief

Jeder Mensch - so vermute ich - kennt Tage, an denen er verzagt, pessimistisch, hoffnungslos oder den Tränen nahe ist. An solchen Tagen kann der schönste Regenbogen uns nicht erfreuen und das halbvolle Glas erscheint uns halbleer. Die Energie ist weg und wir möchten tags nur noch schlafen und nachts jagen die Gedanken durch unseren Kopf.

Diese Gefühlsreaktionen gehören zu unserer menschlichen Fähigkeit sehr differenzierte Emotionen zu erleben. Sie gehören zu unserem Gemütszustand wie Freude, Vertrauen, Zuversicht, Heiterkeit, Leichtigkeit, Stolz und Triumph auf der Sonnenseite, aber auch wie Zorn, Misstrauen, Wut, Hass, Ärger, Trauer und  Verzweiflung auf der Schattenseite.

Als Psychotherapeutin mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Menschen, die keine Angst haben vor den Schattenseiten des Lebens,  die Sonnenseiten umso besser genießen können. Wer Meister ist im Traurigsein, verwandelt sich häufig in einen sehr humorvollen Menschen, der über sich und die Welt lachen kann.

Das Gefühlsleben vergleiche ich oft mit einem Pendel, das sich bei manchen ganz wild hin und her bewegt und bei anderen nur kleine Ausschläge zeigt. Ein  Kind, das mit seinem Hund ausgelassen spielt und glücklich ist, wird selbstverständlich einen ungeheuren Verlust erleben, wenn dieser Hund überfahren wird. Sollte man deshalb dem Kind aber empfehlen, weniger glücklich zu sein, damit der mögliche Verlust, wenn er eintritt, nicht so groß ist? - Wohl kaum.

Dieses Beispiel zeigt schon, wie sehr unsere Stimmung von äußeren Faktoren abhängig ist. Als gesellschaftliche Wesen sind wir vor allem vom Gelingen oder Misslingen zwischenmenschlicher Beziehungen abhängig. Am wichtigsten ist die Beziehung zur Partnerin/zum Partner, aber auch zur Familie, zu Vorgesetzten, ArbeitskollegInnen, FreundInnen und NachbarInnen. Zu den äußeren Faktoren gehören aber auch die Jahreszeit, das Klima, das Wetter, die Mondphasen oder der Umgebungslärm.

Wir sollten auch die Bedeutung der Beziehung des Menschen zur Natur oder zu Tieren für eine ausgewogene Stimmungslage nicht unterschätzen.

Weiters gibt es eine Reihe innerer Faktoren, die Stimmungen negativ beeinflussen, wie der weibliche Zyklus, Hunger, Völlegefühl, Müdigkeit oder Krankheit.

Die Gesamtliste der stimmungsbeeinflussenden Faktoren ist unendlich. Und selbst eine Ballung negativer Ereignisse führt beim gesunden Menschen nicht zu einer Depression, sondern in den allermeisten Fällen eben zum Stimmungstief. Die meisten Menschen kennen bewährte Auswege aus diesen Stimmungstiefs und können mit ihnen ebenso angemessen umgehen, wie mit Triumph- oder Wutgefühlen.

Ein bewährtes Mittel gegen ein Stimmungstief ist das positive Denken. Wohlgemerkt, ich rede hier nicht von der Depression! Einem Menschen, der in der Depression steckt zu empfehlen, er soll positiv denken, ist entweder zynisch oder dumm oder beides.

Auch Gedankendisziplin ist im Stimmungstief sehr wichtig. Gedankendisziplin  heißt, über meine Gedanken zu bestimmen und mich nicht mit ihnen im Kreis zu drehen. Arbeit, Bücher, Musik, Filme, Theater oder Kabarett sind wichtige Hilfsmittel um aus einem unliebsamen Gedankenkreis auszubrechen. Manche Menschen schwören auf  regelmäßige körperliche Aktivität im Sport oder bei der Gartenarbeit oder auf kreislaufaktivierende Bäder. Entspannungsmethoden, wie Autogenes Training, Yoga, Tai-chi oder Chi-gong sind bei anderen ebenso erfolgreich. Leicht verdauliche Nahrung und ausreichender Schlaf, vor allem vor Mitternacht, sowie mäßiger Konsum von Kaffee, Tee, Alkohol und Nikotinabstinenz verfehlen ihre Wirkung nicht. Oder umgekehrt: Wer nicht ausgewogen lebt, kann nicht erwarten, dass seine Stimmung ausgeglichen  ist. Im Winter ist es für viele Menschen ganz wichtig, dass sie sich mehr Schlaf  gönnen als im Sommer. Spaßes halber empfehle ich meinen KlientInnen häufig Winterschlaf auf  Krankenschein.

Wenn die aufgezählten Maßnahmen jedoch nicht mehr greifen oder wenn ihnen etwas auf der Seele lastet und niemand da ist mit dem sie reden können oder wenn sie merken, dass sie zu viel hinuntergeschluckt haben, empfiehlt es sich, professionelle Helfer aufzusuchen.  Über die Dinge, die einen belasten zu reden und zusammen mit einer Psychotherapeutin Problemlösungen zu suchen, sollte als Psychohygiene genauso selbstverständlich sein wie Körperhygiene. 

Trauer

Auch Trauer sieht äußerlich der Depression sehr ähnlich und fühlt sich auch innerlich so ähnlich an. Sie ist aber eine „gesunde“ Reaktion unseres Organismus auf einen schweren Schicksalsschlag, auf Tod oder Trennung.

Trauernde Menschen haben wenig Interesse an ihrer Umwelt,  sind verletzlich und leicht erschöpft, energie- und kraftlos. Die Trauer beeinträchtigt das geordnete Denken und die Konzentration und führt häufig zu Magen- Darmstörungen, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit.

Der qualitative Unterschied zur Depression zeigt sich in der Trauerarbeit. Menschen die Trauerarbeit leisten, können das Gute aus der alten Situation integrieren und sich dem Neuen zuwenden. Die Trauerarbeit ist einem ganz typischen zeitlichen Ablauf unterworfen, dem Trauerprozess.

* Die erste Phase des Trauerprozesses ist durch Verleugnung und Protest gekennzeichnet. Der Trauernde tut so als wäre alles noch beim Alten. Das Bett des Verstorbenen wird regelmäßig überzogen, seine Lieblingsspeisen werden gekocht, die Anzüge gelüftet usw.

* Die zweite Phase ist durch Verzweiflung geprägt. Das emotionale Chaos bricht aus: Schmerz, Schuldgefühle, Angst, Wut, Sehnsucht und Vorwürfe wechseln einander ab.

* Die dritte Phase dient dem Abschiednehmen und der Akzeptanz des Unabänderlichen. Dadurch, dass eine tiefe innerliche Beziehung zum Verstorbenen entsteht, wird es möglich sich wieder vermehrt der Außenwelt zuzuwenden.

* Die vierte Phase spiegelt die Wieder-Hinwendung zur Welt. Die trauernde Person kann wieder neue Beziehungen knüpfen und vertraut sich wieder dem Fluss des Lebens an.

In vielen Kulturen (in meiner Kindheit auch noch bei uns) ist oder war es üblich, dass ein Trauerjahr eingehalten wird. Durch schwarze Kleidung, Strümpfe, Armschleifen oder Kopftücher zeigten die Menschen, dass ihre Seele Trauer trägt und jeder respektierte, dass sie daher an gewissen Vergnügungen nicht teilnahmen. Dieses Brauchtum hat sich weitgehend auch auf dem Land bereits aufgelöst und der schützende Raum für die Trauer fällt mehr und mehr weg. Ganz besonders tragisch ist das bei geschiedenen Frauen und Männern, die einen ebenso großen Verlust erlitten haben und sich danach auch noch zufrieden zeigen sollen, dass ihre schlechte  Ehe endlich geschieden ist. Kaum jemand versteht, wie wichtig es für Geschiedene ist, ihren gescheiterten Lebenstraum zu betrauern.

Der natürliche Trauerprozess, der gewöhnlich ein Jahr dauert, passt kaum noch in unsere hektische funktionalistische Welt. Weder Vorgesetzte noch Freunde haben in den meisten Fällen ausreichende Geduld für den trauernden Menschen, manchmal auch dieser selbst nicht. Häufig werden gesund trauernde Menschen pathologisiert und mit Medikamenten wieder funktionstüchtig gemacht. Dadurch kann es wirklich zu Krankheiten kommen, auch zur ursprünglich falsch diagnostizierten Depression.

Der Trauerprozess braucht Zeit. Der ganze Jahreszyklus mit Weihnachten, Ostern, Geburtstagen, Urlaub usw. muss mindestens einmal allein durchlebt werden um den Trauerprozess abzuschließen und das Leben in seiner neuen Qualität wieder voll zu genießen.

Doch auch der natürliche Trauerprozess kann mit professioneller Hilfe nerven- und kräfteschonender bewältigt werden als im Alleingang.
Abschließend möchte ich festhalten, dass es absolut notwendig ist, bei einer echten Depression professionelle Hilfe von ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen in Anspruch zu nehmen.
Bei starken oder belastenden Stimmungsschwankungen oder längeren Stimmungstiefs ist eine Psychotherapie dringend zu empfehlen.

(Überarbeiteter Artikel, erschienen im Jänner 2000 in „ÖTL-Tinnigramm“, Zeitschrift der Österreichischen Tinnitus-Liga)

Zum Anfang